Die dunkle Seite des Mondes

MS vor Glaswand
Marion Schneider

Befindlichkeiten in Deutschland 

Zum zweiten Mal ist mir das jetzt passiert. Einmal am Telefon. Einmal höchstpersönlich. Beide Male geschahen mir dieses Jahr. Jedes Mal war der Tag für mich danach gelaufen. Ich war wie zerschmettert, meine Motivation auf Null gesunken. Ich wollte alles hinwerfen. Komisch, dass es mir vorher noch nie passiert ist. Hat es etwas mit mir zu tun oder hat es etwas mit diesem Jahr zu tun?

 

Was war passiert?

Ich hatte mit jeweils einer Frau gesprochen, einmal eine Vertreterin des Amtsgerichts, das zweite Mal eine Vertreterin einer politischen Partei. Ich hatte ihnen meine Lage so gut ich es konnte in Worten dargestellt. Jedes Mal war ich einem Konflikt ausgesetzt, der eine Organisation betraf. Jedes Mal war ich durch Entscheidungen – einmal vom Amtsgericht, einmal von der politischen Partei – persönlich betroffen und musste Konflikte lösen, die die ganze Organisation betrafen. Meine beiden Gesprächspartnerinnen vertraten die Linie ihres Gerichts/ihrer Partei. Ich brachte alle vorhandenen Folgen zur Sprache, die diese Linien bewirkten und man kann dies auch Problemdarstellung nennen. Die beiden Vertreterinnen blieben bei ihrer Linie. Ich hatte sie also nicht überzeugt. Nun begann ich im zweiten Schritt, diese Linie zu kritisieren, sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen, die Hintergründe wie die Folgen dieser Linie für meine Organisation auszumalen. Anders ausgedrückt: ich präsentierte ihnen meine Meinung zu ihrer Linie bzw. Gesetzesauslegung bzw. Entscheidung. Was passierte? Die Vertreterin des Amtsgerichts legte einfach auf, die Vertreterin der politischen Partei ließ mich einfach stehen.

Jedes Mal war ich mit den Folgen meiner Handlung allein gelassen. Die Folgen betrafen nicht nur mich, sondern auch die Organisation, für die ich sprach. Jedes Mal erlitt ich eine Niederlage. Natürlich hatten die beiden Damen das Recht und die Freiheit, sich so zu verhalten. Doch ich frage mich andererseits, ob sie sich bewusst sind, dass sie unter anderem von mir dafür bezahlt werden, eine Dienstleistung für mich zu erbringen. Offensichtlich haben diese selbstverständlichen monatlichen Gehaltszahlungen eine Sicherheit bewirkt, die sich nun gegen mich richtet. Sie haben gar kein Interesse mehr daran, mir zu helfen. Jedenfalls glauben sie, dass sie ein Recht darauf besitzen, in einer ganz bestimmten Weise behandelt zu werden.

Ich versichere Ihnen, ich habe mich nicht respektlos ausgedrückt. Ich habe entschieden, diesen beiden Damen ganz offen Zugang zu meinen Gedanken und Gefühlen zu ermöglichen.  Ich dachte, sie dadurch zu Mitgefühl und schließlich Verständnis zu bewegen und dadurch zu bewirken, dass sie mir helfen. Ich habe das Gegenteil erreicht.

Nun denke ich aber weiter. Ist dieser, mein Zustand, sind diese Situationen nicht symptomatisch für den Zustand in Deutschland? Wie steht es denn hier um die Offenheit und Kritik? Leben wir überhaupt in einem freien Land? Freiheit bedeutet doch, dass wir vorbehaltlos unsere Meinung äußern können, damit die jeweils anderen ein Verständnis dafür entwickeln und dann darauf antworten können. Erst muss also jemand seine Meinung frei äußern können. Dazu muss der andere genau und gut zuhören, denn sonst versteht er oder sie diese Meinung oder Denkweise oder Situationsdarstellung ja nicht. Erst nach dem Verständnis der Meinung bzw. Anschauung des anderen kann man qualifiziert auf diese Argumentation antworten. Man muss sich also auf etwas einlassen, wenn man jemanden verstehen möchte. Merkt man jedoch, dass dieser andere eine Meinung hat, die sich sowieso nicht durchsetzen lässt oder die Probleme  bereitet, die derzeit unlösbar sind, so setzt bei vielen eine Sperre ein. Das gemeinsame Denken wir blockiert und die andere Meinung abgewehrt. Ein selbstverständlicher Vorgang. Es beginnt ein Kampf oder das Gespräch wird beendet. Eine solche Art von möglicherweise sogar Aneinanderreihungen von Meinungsäußerungen führt jedoch so nicht zu einem Dialog, einem gemeinsamen Entwickeln von Lösungen. Dazu müsste die andere Seite bereit sein, die Gedanken des anderen weiter zu entwickeln bzw. mit den Gedanken der anderen mitzugehen. Hier jedoch setzt eine Blockade ein, z.B. ein Tabu. Obwohl da ein Gesetz, welches die Möglichkeit eines bestimmten Vorschlags verunmöglicht, die Entwicklung eines bestimmten Vorschlags be- oder verhindert. Oder eine persönliche Befindlichkeit oder Erfahrung, die ein Eingehen auf die Gedankenwelt des anderen verunmöglicht. Hier wird dann also der Dialog blockiert oder abgebrochen, die Gedankenwelt des anderen nicht aufgegriffen und nicht weiterentwickelt oder auch in eine andere Richtung geführt oder mit sachlichen Gegenthesen beantwortet.

Als ich sechzehn Jahre alt war, war meine damals wichtigste Erkenntnis, die mir durchunsere Referendare an der Schule vermittelt wurde, das Verständnis dieser einfachen Dialektik: These – Gegenthese – Synthese. Bis heute sehe ich darin die Grundlage eines konstruktiven Dialogs.  Ich wünsche mir also eine Gegenposition, um weiterzukommen, eine gleichförmige Meinung interessiert mich weniger (sie tut nur manchmal gut), da diese lediglich eine Bestätigung des Status Quo bzw. des Bestehenden ist. So komme ich doch nicht weiter: sich gegenseitig immer wieder zu beteuern, dass alles gut ist. Ein Weiterkommen, eine Verbesserung basiert auf Kritik: was ist nicht gut, was kann noch verbessert werden, wo liegen Schwächen, was tut weh, was funktioniert nicht? Wenn ich gute Leistungen erbringen will, muss ich diese Fragen beantworten, wenn sie mir begegnen. Es ist sogar so, dass gerade diese Fragen mich zu einer besseren Leistung bringen werden – besser gesagt, meine Antworten darauf. Kritik sehe ich somit als Motor der Veränderung. Kritik muss auch nicht immer negativ sein. Entscheidend aber ist eine Atmosphäre, in der Kritik möglich ist oder wird. Dafür sind wir alle verantwortlich. Wie viel Vertrauen, menschliche Wärme, Schutz und Sicherheit geben wir einander, damit wir es wagen, unsere Meinung offen zu äußern? Wollen wir überhaupt eine andere als unsere eigene Meinung hören? Mit welchen Menschen umgeben wir uns – nur mit solchen, die eine gleiche Meinung haben wie wir selbst? Suchen wir die Kritik? Brauchen wir sie?

Schaue ich heute, 2018, auf Deutschland, so stelle ich fest, dass die konstruktive Kritik an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden ist. Die Kritik, die heute möglich ist, hängt sich an Kleinigkeiten auf. Es werden exemplarisch Streitigkeiten, Probleme in sozialen Beziehungen und Talkshows im Fernsehen gezeigt und der Eindruck vermittelt, dass wir doch über alles reden können. Aber wie sieht es aus, wenn wir an der Politik unserer Regierung oder der Parteien oder der Behörden und Ämter offen Kritik äußern? Ist diese gewünscht? Wie weit ist es möglich, sie zu äußern? Wann wird die Toleranzschwelle überschritten? Wo liegen die Tabus?

So setzt die Regierung nun schon seit Jahren zunehmend gegen den Willen der Bevölkerung eine aggressive Politik gegen Russland um, beteiligt sich gegen den Willen der Bevölkerung zunehmend an internationalen kriegerischen Aktivitäten, rüstet gegen den Willen der Bevölkerung massiv auf- von 1,2 auf 1,5%, wobei schon jetzt von 2 und 2,4 % die Rede ist, die die Rüstungsausgaben künftig betragen sollen. Gegen den Willen der Bevölkerung wird die Schulpolitik immer noch auf föderaler Ebene gehandhabt, obwohl dies massiv die Freizügigkeit von Familien mit Kindern beschränkt und viele andere negative Auswirkungen auf unsere Schullandschaft hat.  Der Dialog mit der Bevölkerung wird nicht geführt, eine Kommission wird nicht eingesetzt, Reformen nur millimeterweise vorangetrieben, die Bundesebene betreffend. Auf Ängste und Sorgen der Bevölkerung, die massive Zuwanderung von Vertretern anderer Kulturen betreffend, wird nicht geantwortet, Kritiker dieser Politik abgekanzelt und womöglich ausgegrenzt. Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern findet sich nur spärlich und ist von unseren politischen Repräsentanten äußerst selten oder gar nicht zu hören.

Nun komme ich zu dem delikatesten und zugleich auch wichtigsten Thema meines Beitrags: der Ausgrenzung. Vertritt jemand bestimmte Auffassungen, äußert vielleicht nur geringfügig mit der herrschenden Meinung kollidierende Auffassungen, kann es ihm oder ihr passieren, dass eine plötzliche und vollkommende Ausgrenzung erfolgt. Erstmals wurde uns dies in großem Umfang und exemplarisch an dem bedeutenden Politiker Thilo Sarrazin vor Augen geführt. Seine Gedanken waren nicht hoffähig. Sein Buch – als Grundlage einer konstruktiven Diskussion zu unserer künftigen Bevölkerungspolitik gedacht – wurde ausgegrenzt. Die Kanzlerin sagte sogar öffentlich, dass sie es nicht lesen müsse und der Vorstand der SPD stellte den Antrag, Tilo Sarrazin auszuschließen, ohne dass auch nur ein einziges Vorstandsmitglied das Buch gelesen hatte. Mehr noch: Herr Sarrazin verlor seinen Job[1]. Hier lernten wir, dass es Dinge gibt, die man in Deutschland nicht sagen darf. Sagt man sie trotzdem, gehört man nicht mehr dazu.

Interessanterweise ging die politische Bandbreite dieser Auffassung quer durch alle Parteien von CDU bis zur Partei Die Linke. Da gab es also jemanden, der sich um die Zukunft seines Landes Gedanken machte, der seine Überlegungen und seine Vorschläge öffentlich bekannt gab und sich der Diskussion stellte. Unsere herrschende Politik war jedoch nicht in der Lage, diese Kritik konstruktiv aufzugreifen und wie vorab beschrieben zu einer Verbesserung der Qualität unserer Leistung als Nation weiterzuentwickeln. Den Dialog gab es gar nicht, sondern es gab einen Monolog der Kritiker des Kritikers. Wäre es dabei geblieben, so hätten sich die Verteidiger des Kritikers doch noch öffentlich zur Wehr setzen können. Es blieb jedoch nicht dabei, sondern man grenzte sie aus. Sie sollen nicht dazugehören. Sie sollen sich nicht mehr äußern können, sagten die damaligen politischen Vertreter des Landes quer durch die Bank.

Wenn man es recht bedenkt, so war es doch nur eine logische Folge, dass sich diese Kritik dann in einer eigenen Partei oder Strömung ihre Artikulation suchte. Sie ist mit der Ausgrenzung ja nicht verschwunden, sondern als Protestbewegung kanalisiert, als „Alternative“. Die Kritik konnte also nicht zum Teil der herrschenden Politik werden und sich durch Dialog zu einer Verbesserung der Qualität weiterentwickeln. Bis heute ist die herrschende Politik nicht bereit, sich einem systematischen konstruktiven Dialog über ihre Politik zu stellen.  Sie möchte gerne weitermachen wie bisher und möchte dabei möglichst nicht gestört werden. Sie nutzt ihre Macht, um unliebsame Kritik zum Schweigen zu bringen und/oder auszugrenzen. Sie ist dadurch ein denkbar schlechtes Beispiel für alle Bürger dieses Landes. Wie soll dann ein konstruktiver Dialog an der Basis möglich  ein, wenn die Spitze vorführt, dass es gewünscht und angebracht ist, andere auszugrenzen?

Was bedeutet diese oder eine Ausgrenzung? Man gehört nicht mehr dazu. Soziale Ausgrenzung, die auch den Juden oder heute in Deutschland auch muslimischen Bevölkerungsteilen gesellschaftlich entgegengebracht wird, kann in schlimmster Folge zum Tod führen. Immer jedoch ist die Ausgrenzung mit Scham und Schande für die Ausgegrenzten verbunden, mit Nachteilen und mit Widerständen verknüpft. Wer will das schon? Also versuchen doch sehr viele, diese Ausgrenzung zu verhindern – z.B. dadurch, dass sie ihre Meinung gar nicht erst äußern, obwohl sie der Meinung derer entspricht, die öffentlich ausgegrenzt werden.  Sie verleugnen ihre Meinung oder Identität. Ist das Demokratie? Wollen wir Demokratie dazu verkommen lassen, dass die herrschende Politik oder die Mehrheit der Bevölkerung entscheidet, wer nicht dazugehört oder wer ausgegrenzt werden soll? Die Lehre aus der Niederlage von zwei Weltkriegen war es doch, genau Minderheiten schützen und Verfolgten helfen zu wollen. Was ist daraus geworden? Schon wieder hetzen Mehrheiten auf Minderheiten – und fühlen sich dabei im Recht und fühlen sich dabei wohl.

Wenn man sich mit Menschen gleicher Lebensweise und gleicher Auffassungen umgibt, ist die Möglichkeit von Kritik und Selbstkritik denkbar gering. Gerade dann aber ist eine Konfrontation mit anderen Denk- und Lebensweisen besonders herausfordernd, vielleicht sogar provokativ. Setzt man sich in einer Umgebung von relativ einheitlicher Lebensauffassung nicht aktiv dieser ständigen Herausforderung anderer Auffassungen und Lebensformen aus, so ist auch die Chance, sich selbst kritisch zu sehen bzw. in Frage zu stellen, entsprechend geringer ausgebildet bzw. ausgeprägt. Eine selbstkritische Auffassung kann dann höchstens entstehen, wenn man von sich aus aktiv und bewusst kritisches Denken lernt und praktiziert. Allerdings wird in der heutigen Bildungslandschaft dieses kritische Denken sehr wenig geschult und gefördert. Immer noch geht es doch vor allem um richtig und falsch, und die Möglichkeit von verschiedenen Sichtweisen auf dasselbe Phänomen wird sehr viel weniger erlernt. Auch der Wettbewerb um gute oder beste Noten dient nicht dazu, andere Auffassungen oder Lebens- und Denkweisen zu befördern, sondern setzt auf dieses „richtig“ und „falsch“, auf dieses „gut“ und „schlecht“. Weniger steht dabei im Blickfeld, dass das Gute woanders schlecht und das Schlechte unter anderen Umständen womöglich gut sein kann. So kommt es dann auch, dass das Multikulturelle als abgedankt erklärt[2] und das Uniformelle wieder gesucht wird[3]. In einer globalen und sich immer weiter globalisierenden Welt ist dies jedoch der völlig falsche Weg, der zu Zäunen, Grenzen, Mauern, Abschottungen und noch viel schlimmer zu Ausgrenzungen, Absonderungen, Feindschaften und womöglich neuen Kriegen führt.

Der Gedanke der Ausgrenzung stammt in seiner schlimmsten Form aus dem Mittelalter, wo Hexen verbrannt und Kritiker gevierteilt wurden. Man unterstellte ihnen, dass sie mit dem Teufel im Bunde seien. Der Teufel, das Böse, die Bösen sollte nicht dazugehören. Man wollte sie vernichten. Dieser Grundgedanke der Vernichtung des Bösen und des Teufels führte weiter zur Vernichtung von Unkraut oder Ungeziefer und weiter zur Vernichtung von nicht Lebenswertem und nicht Dazugehörendem. Erst wurden sie ideologisch ausgegrenzt und dann vernichtet. Mit Unkraut und Ungeziefer tun wir es ja beispielsweise heute noch, und wie die Worte schon sagen, ist es dann nicht mehr weit zu Unwertem. Sind wir schon wieder auf diesem Weg?

Da kommen wir zu dem Thema Medien. Die Medien, die eigentlich die Aufgabe haben, unsere Realität möglichst objektiv darzustellen, um uns einen Zugang zu der uns umgebenden Wirklichkeit zu ermöglichen, sind zu Sprachrohren der herrschenden Politik geworden. Sie bewegen sich in genau demselben Minenfeld, in dem sich alle bewegen: bei Fehlverhalten droht der Ausschluss, das Verstoßen werden. Wir sind „der Westen“ und haben gefälligst geschlossen aufzutreten, möglichst einheitlich, möglichst einstimmig.  Warum? Weil es da offensichtlich die andere Seite, „den Osten“ gibt, der uns zunehmend feindlich gegenüber gestellt wird. Genau dieses Plus-Minus Denken findet sich auf jeder Seite von Hitlers „Mein Kampf“. Geraten wir wieder dorthin? Wir sind gut, wir wissen den Weg, wir sind nachahmenswert. Die, die es wagen, andere Politikformen, einen anderen Staatsaufbau, andere nationale Ideale oder Idole zu haben als wir, der weise Westen, werden hemmungslos kritisiert. Plötzlich gibt es keine Angst mehr vor Kritik, denn hier können wir uns wieder einigen. So formt sich das neue Feindbild. Es gibt insofern ein Feindbild nach außen – der Osten – und ein Feindbild nach innen: die AfD und die noch extremerer Positionen an den Rändern der Gesellschaft: Reichsbürger, schwarzer Block, Nazis. Nun haben wir doch das gesamte vergangene Jahrhundert gelernt, wohin dies führt. Müssen wir es noch einmal wiederholen? Die Freude an der Uniformität hat einen hohen Preis: den Krieg. Hören wir also auf damit.

Was ist die Alternative, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Die Alternative ist ganz einfach: Der ernsthafte Dialog, dass wir miteinander sprechen und uns gegenseitig zuhören. Dass wir die Argumente des anderen ernst nehmen und über sie nachdenken. Das wir danach streben, qualifizierte Antworten zu finden und nach den besten Lösungen – die besten für alle – suchen. Dass wir uns nicht mit Gleichgesinnten umgeben, sondern gerade an der Meinung  der Andersdenkenden interessiert sind, um zu lernen und unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben noch besser zu gestalten. Solche Prozesse laufen teilweise auf kommunaler Ebene – und werden doch ganz besonders auf nationaler Ebene gebraucht. Unser politisches System und damit die Steuergelder unserer Bürger versorgen die Politiker mit allem, was sie brauchen, ohne dass sich die Politiker, einmal gewählt, noch groß Gedanken um ihre Zukunft machen müssen. Sie erhalten ein gutes Gehalt und alles, was sie für eine gute Arbeit brauchen. Sie erhalten Gehaltserhöhungen in Prozenten und in einer Geschwindigkeit, wie sich die Mehrheit der Bevölkerung dies nur wünschen kann, aber nicht erfahren wird. Und am Ende der Politik-Karriere steht dann der Einstieg in eine Karriere in der sogenannten freien Wirtschaft oder in mit der jeweiligen Partei verbundenen Organisationen. Es scheint gerade so, als ob dieses bequeme Leben unserer Politiker und Politikerinnen zu einer immer schlechteren Leistung führt. Auch hier müssen wir nachdenken. Lässt dieses jetzt herrschende politische System überhaupt das Streben nach einer guten Qualität zu? Nach den Skandalen in unserem Bankenwesen wie jetzt auch in der Automobilindustrie müssen wir uns doch fragen, was hier gerade schief läuft. Derzeit besteht jedoch die Gefahr, dass auch diese Diskussion tabuisiert wird und dass niemand sich mehr wagt, öffentlichkeitwirksam diese kritischen Fragen zu stellen. Letztlich profitieren alle im und vom politischen System Bezahlten  und wünschen keine öffentliche Diskussion zu diesem delikaten Thema ihrer Privilegien.

Auch das heutige Parteiendenken ist überholt: dass man gegeneinander arbeitet statt miteinander, weil man sich als Konkurrenz sieht. Das Zeitalter der Kooperation ist längst angebrochen. Kleine und mittelständische Unternehmen wissen das und nutzen die Kooperation als Mittel, um zu überleben und ihren Fortbestand zu sichern. Bei den großen Unternehmen ist es oft so, dass Kauf und Verkauf diese Fragen regeln. Eine ungeahnte Monopolisierung und Zentralisierung der größeren Unternehmen spielt sich vor unseren Augen ab. Damit steigt auch die Macht der Unternehmen und ihre Möglichkeiten, Politik zu beeinflussen. Mehr als 99% aller Unternehmen in Deutschland sind kleine oder mittlere Unternehmen. Doch steht deren Interesse nicht im Mittelpunkt unserer Wirtschaftspolitik, obwohl in ihr etwa über 60% der Mitarbeiter tätig sind?

Wer wird es in den nächsten Monaten oder Jahren wagen, den Dialog mit den Ausgegrenzten öffentlich aufzunehmen? Wird sich der Trend zur Ausgrenzung erweitern und verschärfen oder wird unsere Gesellschaft sich besinnen und auf die Werte von Vertrauen, Zusammenarbeit, Dialog und Freundlichkeit zurückfinden. Sind die herrschenden Parteien überhaupt in der Lage, diesen Weg zu beschreiten? Sie verfügen über alle Privilegien, sich einfach weiter so zu verhalten wie bisher. Es könnte nur sein, dass sich der Protest militanter und massiver äußern wird – mehr noch, dies ist sehr wahrscheinlich.

So lange die Parteien sich nicht besinnen, liegt es an den Bürgern selbst, als positives Beispiel voranzugehen. Dies ist sicher mit Mut und sehr viel Anstrengung verbunden. Ich denke aber, wir haben keine andere Wahl. Die Lebenskraft, der Optimismus, das Schöpfertum, die Freude und das Glück entstehen aus einem konstruktiven, positiven, die Vielfalt und das Andere respektierenden Zusammenleben. Lernen kann höchste Freude bereiten, wenn es nicht mit gut und schlecht, falsch und richtig, sondern mit Erkenntnis und Freude an der Erkenntnis, mit Zusammenarbeit und gemeinsamen Erfolg verbunden ist, mit Unterstützung und Solidarität, mit Hilfe und mit Hilfe zur Selbsthilfe. Haben wir das denn ganz vergessen? Wo bleibt eine solche Politik auf Bundes- und Landesebene? Wo bleiben die Vorbilder, die uns die Freude am Leben und den konstruktiven Erfolg, die soziale Hilfe und die Genialität zeigen?

Die Schönheit und das Glück als erfüllender Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung kann man nicht nur in Filmen sehen oder in Büchern lesen, sondern wir alle haben das bestimmt schon mehrmals erlebt. Licht und Liebe erschaffen und erhalten das Leben und das Glück.

So kommen wir denn zum Titelthema meiner Überlegungen: Die dunkle Seite des Mondes. Hier findet sich all das Schlimme, Schlechte, Böse und Üble, was wir nicht sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen wollen. Die andere Seite  wird angestrahlt von unserer Presse, bejubelt,   beleuchtet und in Szene gesetzt: die Errungenschaften des Westens, unsere glorreiche Demokratie, unsere Menschenrechte, unsere Freiheit und unsere Erfolge. Die Politik will gar nicht mehr hören, dass es auch zu dieser Seite eine dunkle Seite gibt. Sie will sich nur noch in sich selbst sonnen, und die dunkle Seite ist dem Gegner vorbehalten. Das einzige Problem: So funktioniert es nicht.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sarrazin/die-debatte/sarrazins-ungelesenes-buch-frau-merkel-sagt-es-ist-alles-gesagt-11038436.html

[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/lob-und-empoerung-merkels-multikulti-absage-sorgt-fuer-weltweites-aufsehen-a-723993.html

[3] https://www.csu.de/aktuell/meldungen/oktober-2015/deutsche-leitkultur-statt-multikulti/

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