DIE MASSAKER DER VERGANGENHEIT und die Betroffenheit jetziger und zukünftiger Generationen

Es ist schwer, ein/e Deutsche/r zu sein. Deutsch zu sein heißt, die Geschichte des Holocaust und die Massaker des Ersten und Zweiten Weltkriegs zu ertragen. Es gibt keine Möglichkeit, ihnen zu entrinnen. Die Last wird leichter mit jeder Generation – aber es ist eine schwere Last.

Auf der anderen Seite gibt es hier viel Unwissenheit über die Massaker der Vergangenheit. Ich bin Historikerin, doch mein Geschichtsstudium endete vor dem Ersten Weltkrieg. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre gab es an den beiden Universitäten, an denen ich studierte, keine Seminare oder Vorlesungen über die Zeit des Ersten oder Zweiten Weltkriegs, der Weimarer Republik oder des NS-Regimes. Das war in Westdeutschland. Sicher war das anders in Ostdeutschland. Nun, im vereinten Deutschland, ist das westdeutsche System das Herrschende.

Ich habe vom Massaker in Lidice gehört, es aber nie studiert. Von den Massakern in Griechenland allerdings hatte ich keine Ahnung. Man kann somit vielleicht verstehen, wie schockiert ich war, als Historikerin über solch wichtige geschichtlichen Ereignisse, die für die Beziehungen unserer Nationen so entscheidend sind, in völliger Unwissenheit zu leben.

Ich war 30 Jahre alt, als ich erfuhr, dass es nur eine Straße von unserem Gymnasium entfernt eine Synagoge gab. Nicht einmal meine Eltern wussten davon. Meine Schulstadt hatte 166 jüdische Einwohner. Mehr als 50 von ihnen wurden ermordet. Keine/r meiner Mitschüler/innen wusste davon. Zu dieser Zeit begann ich, mich dafür verantwortlich zu fühlen, dass zukünftige Generationen nicht den gleichen Geschichtsverlust erleiden müssen, den ich erlitt.

Wie können wir, die Deutschen, diese Verantwortung tragen? Jedes Mal, wenn wir jüdische Menschen treffen, wird es eine Assoziation zu diesen schrecklichen Verbrechen geben. Wir können die Erinnerung nicht auslöschen. So auch jedes Mal, wenn wir Franzosen, Engländer, Belgier, Niederländer und mehr noch Polen, Ukrainer, Russen oder Tschechen treffen, gibt es diese Geschichte der Zerstörung zwischen uns. Die Massaker der Nazis, des Nazisystems und die Grausamkeit der deutschen Armee waren, sind abscheulich.

Mein wachsendes Verständnis für den Charakter von Massakern im Allgemeinen ließ in mir den Wunsch entstehen, die Menschen darüber zu informieren. Wie können wir jemals Freundschaft zwischen Nationen, Völkern und Menschen erreichen, wenn wir tiefstes Leiden missachten. Es ist unmöglich, solch profunde Erinnerung auszulöschen, auch nicht nach Hunderten von Jahren. Daher ist es notwendig, bewusst mit ihnen zu leben und über sie mit tiefstem Respekt und in Achtung zu sprechen.

Als Vorstandsvorsitzende von Ourchild, einer Organisation, die sich um das Kindeswohl kümmert, sehe ich eine äußerst wichtige Aufgabe für die Zukunft Europas und der Welt darin, liebevolle Beziehungen aufzubauen – und Erwachsene müssen Kindern zeigen, wie das geht. Liebe, Mitgefühl und Verständnis sind Eigenschaften, die eng miteinander verbunden sind.

In Deutschland, dem Land der Täter, besteht eine Tendenz, das Leid zu ignorieren und stattdessen Stärke und Erfolg zu fordern. Es ist nicht angenehm, sich das Leiden anzusehen, aber die Missachtung des Leidens schafft mehr Leiden. Die Gräben zwischen den Tätern und der Erinnerung der Opfer vertiefen sich. Ignoranz führt zu neuem Leiden.

Ich denke, dass die deutsche Nation – Historiker*innen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen, Lehrer*innen, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft – viel dafür getan hat, die eigene Geschichte zu verstehen und sie den Kindern zu vermitteln. Aber es ist definitiv nicht genug, denn die in allen Teilen des besetzten Europas begangenen Verbrechen sind in Deutschland wenig bekannt und werden oft ignoriert. Im Interesse der europäischen Zusammenarbeit und des Friedens ist es wichtig, in Deutschland und Europa über die Geschichte von Lidice zu erfahren, über die Geschichte von Kommeno und der anderen über hundert von Massakern betroffenen Dörfer und Städte in Griechenland sowie über ihr Leiden unter der deutschen Besatzung.

Wie ist eine Versöhnung nach schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen möglich? Einerseits ist es nicht hinnehmbar, dass Menschenrechtsverletzungen nicht bestraft werden. Wie sonst könnte die Verpflichtung zur Achtung der Menschenrechte etwas wert sein? Auf der anderen Seite ist die Bestrafung aller Täter oft nicht möglich. Die Aussicht auf Bestrafung hindert die Menschen daran, ihre Waffen niederzulegen und Frieden zu schließen. Ist es dann besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen? Was aber kann getan werden, um die Opfer zu befriedigen und die Täter wieder in eine Gesellschaft zu integrieren, in der ein friedliches Zusammenleben möglich ist? Die Tatsache, dass nur sehr wenige NS-Täter in Deutschland bestraft wurden und wir uns immer noch mit den Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs befassen, zeigt, dass es für jede Nation schwierig ist, mit ihren eigenen Verbrechen fertig zu werden.

Die Entwicklung des Völkerrechts vom Recht der Staaten hin zum Schutz des individuellen Menschenrechts wurde in den letzten Jahren fortgesetzt. Nach den Kriegsverbrecherprozessen der Siegermächte in Nürnberg und Tokio am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 1948 die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes verabschiedet, um Völkermord in der Zukunft zu verhindern und zu bestrafen. Versuche, internationales Strafrecht zu schaffen und einen internationalen Strafgerichtshof einzurichten, führten 1998 zur Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Dies sind wichtige Schritte bei der Gestaltung des Völkerrechts zum Schutz von Menschen, Völkern und Staaten.

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin von Lidice, sehr geehrte Frau stellvertretende Bürgermeisterin von Kommeno, vielen Dank, dass Sie mich zu Ihrem ersten offiziellen Treffen eingeladen haben. Mein Dank geht auch an die Mitglieder des Europäischen Parlaments, Frau Katerina Konecna und Herrn Stelios Kouloglu der European Parliamentary Group GUE/NGL für die Ausrichtung und Organisation dieser Veranstaltung. Vielen Dank, dass Sie uns dabei helfen, zu verstehen, wie sehr uns dieser Prozess vereint, die Wunden der Vergangenheit zu verarbeiten. Dies gibt uns die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen, was notwendig ist.

Danke, dass Sie mir die Gelegenheit geben, für mein Land und für die Menschen in Deutschland zu sprechen, insbesondere für die deutschen Kinder. Ihre Einladung trägt dazu bei, das Verständnis dafür zu fördern, dass Kinder, die ihre Vergangenheit nicht kennen, keine guten Staatsbürger sein können, weil sie nicht wissen, was es heißt, Verantwortung zu tragen. Als Vorsitzende von Ourchild versichere ich Ihnen unsere Unterstützung in diesem wichtigen Prozess der Schaffung von Verständnis und Mitgefühl.

20. Februar 2019, Marion Schneider

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