Buchtipp: „Wohnraum für Alle“ – Perspektiven auf Planung, Politik und Architektur

Seit Jahren steigen Mieten und Wohnungspreise – vor allem seit der Finanzkrise in 2008 sind Mieten und Wohnungspreise insbesondere in Metropolregionen, groß- und Universitätsstädten deutlich gestiegen. Günstiger Wohnraum wird zusehend knapp, und insbesondere Schichten mit niedrigen oder mittleren Einkommen leiden darunter.

Das Buch bringt gestalterische, gesellschaftliche und politische Lösungsansätze in einen Dialog. Die Beiträge erkunden die Gründe für die Wiederkehr der Wohnungsfrage und stellen Strategien vor, mit denen bezahlbarer Wohnraum für alle geschaffen werden kann. Akteure aus Wissenschaft, Praxis, Politik und sozialen Bewegungen finden hier aktuelle Perspektiven auf ein drängendes urbanes Problem.

Der Stadt Jena ist im Buch „Wohnraum für alle“ nur ein kleines Kapitelchen gewidmet, doch das hat es in sich. Jena extrem von der Wohnraumknappheit betroffen. In Jena zentrieren sich Unternehmertum (Zeiss, Schott, Jenoptik u.a.), und Jena ist gleichzeitig auch eine der beliebtesten Hochschulstädte Deutschlands für eine Vielzahl von Studiengängen. 25% der EinwohnerInnen sind Studierende. Das bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt:

  • Die Miet- und Wohnungspreise liegen hier bei 8,60 Euro/m2, während sie sich ich in Thüringen im Schnitt auf 6,70 Euro/m2 belaufen. Sie liegen sogar noch 0,30 Euro über dem Bundesdurchschnitt.
  • Es gab Mietsteigerungen von +18% allein in den Jahren zwischen 2008 und 2013
  • Der Leerstand liegt bei nur 2%
  • Die Mietbelastung ist mit 35% des Haushaltseinkommens ausgesprochen hoch. 2012 gaben 25% aller Haushalte sogar mehr als 50% des Haushaltseinkommens für Miete/Wohnung aus.
  • 6% aller Wohnungen waren für Familien mit einem Durchschnittsverdienst bezahlbar.
  • 1% aller Wohnungen war für Einkommensarme bezahlbar.

Der Stadtrat von Jena hat 2011 ein kommunales Wohnkonzept in Angriff genommen, bei dem jährlich 50 neue Sozialwohnungen entstehen sollen. Seit etwa 2013 entwickeln sich Bürgerinitiativen, die nicht allein ein Wort mitreden wollen, sondern aktiv etwas geändert sehen wollen: ökologisch, sozial, kulturell und alternativ. „Recht auf Stadt“  oder der Gesprächskreis „STATT Probleme, wohnen und mieten in Jena“ sind Beispiele dafür. Bis heute haben sich die unterschiedlichen Gruppierungen jedoch nicht zu einer gesammelten Bewegung zusammenschließen können.

Insgesamt: ein interessantes Buch, das nicht nur für Wissenschaftler der Urbanistik interessant ist, sondern ganz besonders auch für kommunale Politiker. Nicht alle Thesen werden allen Branchen gefallen, aber es ist wichtig, die Fakten zu kennen und anzuerkennen, wenn das Problem in Angriff genommen werden soll. »Dieser Sammelband ist vor allem deshalb von Belang, weil seine Lektüre deutlich macht, dass das Thema ein vertracktes, ja bösartiges Problem ist.« schrieb Robert Kaltenbrunner in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.09.2017. Dem kann ich mich nur anschließen. Ein kompetentes Buch mit fach- und länderübergreifendem Blick und interessanten Lösungsansätzen.

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Über den Autor und weitere Mitwirkende

Barbara Schönig (Prof. Dr.-Ing.) ist Professorin für Stadtplanung an der Bauhaus-Universität Weimar und Direktorin des Instituts für Europäische Urbanistik. Einen Schwerpunkt ihrer Forschung stellt die soziale Wohnraumversorgung dar. Dr. Justin Kadi forscht und lehrt am Institut für Europäische Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar im Bereich kritische Stadtforschung, insbesondere zu den Themen Gentrifikation, Wohnungspolitik und städtische soziale Ungleichheit. Sebastian Schipper (Dr. phil.) forscht und lehrt am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main zu Fragen der Stadtpolitik, der politischen Ökonomie des Wohnens und städtischen sozialen Bewegungen. Seit April 2017 vertritt er die Gastprofessur Sozialgeographie und Stadtforschung an der Freien Universität Berlin. (Quelle: Amazon)

 

Taschenbuch: 358 Seiten,  transcript Verlag, ISBN-10: 3837637298, ISBN-13: 978-3837637298

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