Bedroht uns der Islam?

Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Europa. Ich habe viele der uns entrissenen jüdischen Mitbürger meiner Heimat kennengelernt. Sie leben bzw. lebten in Brasilien, Uruguay, Deutschland, den USA und Israel. Ich habe sie dort besucht. Viele von ihnen sind bereits verstorben. Ich habe mit ihren Schulkameraden in Lauterbach und Crainfeld gesprochen. Das sind die Orte im Vogelsberg, wo sie einst lebten. Der Vogelsberg liegt in Hessen und Hessen hatte eine verhältnismäßig hohe Dichte jüdischer Mitbürger. Ich wollte besser verstehen, wie und warum man sie vertrieben hat und wie sie heute darüber denken. Ich wollte ihre Familien kennenlernen und ich wollte mich auf meine Art auch für die an ihnen begangenen Verbrechen entschuldigen. Ich bin zwar nicht für diese Verbrechen verantwortlich, doch mein Land Deutschland ist es, und ich fühle mich als Deutsche deshalb nicht nur betroffen, sondern auch zuständig für dieses Leid.

Die ehemaligen jüdischen Mitbürger, die ich besuchte, sind meine Freunde geworden. Ihre Gastfreundschaft, ihre Verbindlichkeit, ihre tiefe, aufrichtige Menschlichkeit und ihr Vertrauen haben mich sehr berührt. Ich habe in dieser Zeit von nun mehr als dreißig Jahren Verständnis für ihre Situation entwickeln können. Einer der jüdischen Mitbürger, der in Deutschland blieb, sagte einmal zu mir, dass er Angst verspüre, sobald er seine Wohnung verlasse: „Dann bin ich in Deutschland“. Auch meine Freundin aus Atlanta, mit der ich mich am umfassendsten austauschte, berichtete mir von ihrer Angst, sobald sie deutschen Boden betrat. Wollen wir dies nun wieder neu ermöglichen?

Die jüdischen Mitbürger meiner Schulstadt Lauterbach waren religiöse Menschen. Sie beteten, wenn sie einen Apfel aßen oder vom Baum pflückten. Sie beteten, bevor sie mit dem Essen begannen. Sie beteten vor dem Zubettgehen und vor dem Aufstehen – viele ihrer Gewohnheiten sind für immer verloren, weil sie mit dem deutschen Land und der deutschen Sprache verbunden waren. Nun erleben wir weltweit vermehrt Angriffe gerade auf religiöse Menschen. Das gibt mir sehr zu denken. Es ist ja noch nicht so lange her, als hier in Deutschland und Österreich die Synagogen brannten. Der Hintergrund dieser Angriffe war und ist die Idee des Nationalismus. Es ist die Einbildung, dass ein Land bestimmten Menschen gehört und andere diskriminiert oder ausgeschlossen werden können. Dieser Gedanke hat die Kriege des letzten Jahrhunderts ermöglicht – auch den Jugoslawien-Krieg.

Die Idee, dass manche Menschen mehr wert sind als andere und deshalb mehr Rechte haben als andere ist das genaue Gegenteil von Mitmenschlichkeit, Gastfreundlichkeit und Nächstenliebe. Das Besondere an der christlichen Religion ist doch die Forderung von Jesus, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben. Wo bleibt denn das Christliche, wenn es nicht gelebt wird? Dann sollten wir es nicht mehr im Namen führen und uns auch nicht mehr darauf berufen.

Es kommen seit einiger Zeit Menschen aus Ländern zu uns, in denen eine sehr tiefe religiöse Tradition vorhanden ist. Diese Menschen glauben an Gott und beten. Sie haben religiöse Gewohnheiten, die anders sind als die in Deutschland herrschenden – wie damals unsere jüdischen Mitbürger, als sie noch bei uns lebten. Beginnen wir wieder damit, andere wegen ihrer Religion zu diskriminieren? In unserem Grundgesetz steht, dass niemand wegen seiner Religion verfolgt oder benachteiligt werden darf. Es scheint, als ob dies in Deutschland viele vergessen haben – und damit gleichzeitig auch unsere unselige Tradition vergessen haben, was sehr gefährlich ist.

Die vielen neuen Mitbürger islamischen Glaubens, die zu uns gekommen sind, kamen aufgrund von Kriegen, in die unsere politische Führung in Deutschland verwickelt war und ist. Unsere Regierung hat zunächst dem Jugoslawien-Krieg zugestimmt, dann ihre Bereitschaft erklärt, an dem unrechtmäßigen Angriffskrieg gegen Afghanistan mitzuwirken – und auch unsere Truppen sind bis zum heutigen Tag von dort nicht verschwunden. Zwar hat Deutschland gegen den Irak-Krieg gestimmt und an der Luft-Blockade Libyens nicht mitgewirkt, dennoch sind wir jetzt auch dort mit unserem militärischen Personal beteiligt. Und das, obwohl wir eigentlich nach 1945 gar keine Armee neu aufbauen wollten und unser Volk für die völlige Abrüstung war.

Die Muslime leben also unter uns, weil ihre Länder von dem sogenannten freien Westen angegriffen wurden. Einige ihrer politischen Führer wurden unter dem Vorwand zum Mord freigegeben, dass sie nicht demokratisch genug seien. Dies reiht sich in eine unselige Serie von „Regime-Changes“ ein. Nicht umsonst steht für den Regierungssturz durch Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines Landes ein englischsprachiger Begriff. „Regime-Changes“ des letzten Jahrhunderts kamen nämlich sehr massiv aus den USA. Beteiligt waren aber vielfach auch die Kolonialmächte England und Frankreich. Deutschland als zu spät gekommene Kolonialmacht hatte einfach noch nicht so viel Zeit, sich ebenfalls praktisch zu betätigen – aber dort, wo das deutsche Heer vor dem Ersten Weltkrieg hinkam, ist sehr viel Blut geflossen. Diese furchtbare Tradition ist von der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg in ganz großem Maßstab weitergeführt worden.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden unserer herrschenden Klasse viele Privilegien entzogen. Große Güter wurden enteignet oder verkleinert und neue Politiker kamen an die Macht. Dies blieb nicht unwidersprochen, und die politische Entwicklung in der Weimarer Republik zeigt, dass die vormaligen Eliten ihre Herrschaft nicht freiwillig aufgaben. Viele Verfechter der Demokratie wurden als Mitglieder der Arbeiter- und Soldatenräte und als aktive Kämpfer für die Demokratie erschossen. Dies geschah durch die sogenannten Freischärler, Heeresteile, die noch bis weit in die zwanziger Jahre ihre Willkürherrschaft ausübten, um die sozialistischen Bestrebungen zu beseitigen. In dieser Zeit blühte der Antisemitismus und Nationalismus. Er bereitet den nächsten Krieg vor.

Auch jetzt soll wieder ein Krieg vorbereitet werden. Wieder braucht man Feinde und wieder braucht man eine Ideologie. Dieses Mal sind es die folgenden Feinde: der Terrorismus, der Islam, Russland und zunehmend auch China. Aus den beiden Weltkriegen sollten wir gelernt haben, niemals wieder das Militär die Politik bestimmen zu lassen. Doch wo hat die NATO und wo hat die Exekutive der EU ihren Sitz? Beide in Brüssel. Ist dies Zufall. Und wer bestimmt wen?

Wie können wir einen Krieg verhindern? Mein erster Vorschlag: Russland tritt der NATO bei. Dies ist nicht originell, denn es war eine Option, die in den 90er Jahren sowohl von Jelzin als auch Putin mit Präsident Clinton erwogen wurde. In der Interviewserie Putins mit Oliver Stone, die ich übrigens sehr empfehle, zeigte Präsident Putin dazu noch immer Bereitschaft. Russland sei jedoch nicht bereit, allem zuzustimmen, was die USA vorgibt. Er bezieht sich dabei auf das Prinzip der Einstimmigkeit, welches in der NATO als wichtigstes Prinzip herrscht.

Eine zweite Lösung wäre es, dass Deutschland aus der NATO austritt. Diese Option befreit uns langfristig von den fremden Waffen auf unserem Territorium und ermöglicht uns, das Geld für die wirklich notwendigen Zwecke in unserem Gemeinwesen einzusetzen. Auch ist dies ein Auftrag Deutschland aus den Erfahrungen von zwei Weltkriegen. Wir sollten eine Vorreiterrolle für den Frieden einnehmen. Wo soll der Frieden beginnen, wenn nicht bei uns?

Wir können zunächst einmal alle Atomwaffen aus Deutschland verbannen und die US-Drohneneinsätze, die derzeit von deutschem Boden aus gesteuert werden, verbieten. Bestimmt werden dazu juristische Hürden zu überwinden sein – aber es ist doch ein Schritt zur Vermehrung der Sicherheit der Menschheit.

Deutschland kann den Abrüstungsprozess in Europa und in der Welt beispielhaft beginnen. Dazu sollte es sich aus den nicht-deutschen Gebieten vollständig zurückziehen. Dies wird sich auch positiv auf unser Verhältnis zu den neuen Mitbürgern aus den verschiedenen Ländern der Welt auswirken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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