Wie man einen gekonnten Widerstand organisiert

Dieses Buch habe ich selbst herausgegeben, zusammengestellt aus den Interviews mit und über Balthasar Ehret, den ich selbst noch kannte und dessen Bemühungen, in den 70/80er Jahren ein Kernkraftwerk in Wyhl zu verhindern, wir alle als Studenten unterstützten. Bevor ich selbst versuche, mein eigenes Buch vorzustellen, verweise ich an dieser Stelle lieber auf die erste Rezension von Amazon:

 

4.0 out of 5 stars

Aus Vergang’nem nichts gelernt?

on 1 June 2018

Kein Kernkraftwerk in Wyhl und auch nicht anderswo – Wie wir den politischen Widerstand organisierten. Das Buch handelt von Balthasar Ehret, dem „Belz“ wie er weithin im Badischen bekannt war. Und er war bekannt wie ein bunter Hund. Denn ohne ihn hätte es in Wyhl wohl ein Kernkraftwerk gegeben. Ehret, ein Fischermeister aus Weisweil am Oberrhein, besiegte mit seinem Enthusiasmus, seinem Elan, seiner Sturheit und vor allem seiner Überzeugungskraft und -stärke die damalige Atomindustrie und deren Verbündete – einer davon natürlich der Staat. Das Buch ist ein Plädoyer, beinahe eine Gebrauchsanweisung, wie man einen Widerstand (mit dem Augenmerk auf gewaltfrei) initiieren und erfolgreich organisieren kann.

Natürlich geschah dies alles schon in den 70er Jahren. Die waren friedlicher, und wir hatten noch keine Vorstellung davon, was uns „Shock and  Awe“ und der inzwischen weltweite Terror bringen würde. Dagegen waren die damaligen Demonstrationen und Aufmärsche Festivals. „Die Kundgebung ist abgelaufen wie am Schnürchen, es gab keine Zwischenfälle und die Aktion war ein voller Erfolg … Die jungen Leute haben danach die Fischerinsel belagert und die Internationale gesungen. Es hatten gar nicht alle Platz, sie saßen überall, auch auf dem Boden. Auf den Tischen haben sie getanzt…“, erzählt Balthasar.

Trotzdem hieß das nicht, dass alle mit dem Treiben der AKW-Gegner einverstanden gewesen wären. Schon damals wurden harte Bandagen gefahren, in der Familie wie auch seitens des Staates: „Wegen der Ereignisse auf dem Bauplatz zog sich durch viele Familien ein regelrechter Riss. Ich glaube, hier in Wyhl war es am schlimmsten. Die Älteren haben auf die Regierung vertraut, und die Jungen waren auf unserer Seite, das hat richtig Streit gegeben. Der Verfassungsschutz oder die Polizei gingen ja auch in die Häuser und zu den Eltern. Manchmal hieß es, der Staat würde das Bafög streichen und solche Sachen …“

Wenn man das liest, denkt man sich unwillkürlich: Die damals Jüngeren sind heute wir Älteren. Was hat sich geändert? Wie und warum haben wir uns geändert? Wo ist der Enthusiasmus der Jugend geblieben – und vor allem: warum hat unsere heutige Jugend so wenig davon?

Die Herausgebern Marion Schneider hat die Stimmung der damaligen Zeit perfekt eingefangen, ebenso wie der Persönlichkeit des Balthasar Ehret, den man vor sich zu sitzen vermeint, wenn er die damaligen Geschehnisse erzählt und kommentiert. Ehret war ein einfacher Mann – so ist auch die Sprache, die die Herausgeberin unverfälscht übernommen hat: direkt, ehrlich, einfach und somit auf den Punkt und verständlich.  Unterstützt werden die Geschichten durch eine Vielzahl an Original-Bildmaterial, Zeitzeugen eines Stücks deutscher Vergangenheit.

Auch Bekannte Balthasars, die Jüngeren der damaligen Zeit, kommen rückblickend zu Worte. So schreibt Klaus Dieter Böhm: „Balthasar war ein Aktivist und als Redner bundesweit gefragt. Ich erinnere mich an Veranstaltungen mit ihm, bei denen das Audimax an der Freiburger Uni überfüllt war. … Seine Strategie war, den Gegner mit Aktionen ständig in Atem zu halten und die eigene Position immer stärker auszubauen … Immer wieder gab es Bestrebungen, die Bewegung zu spalten, indem man ihr unterstellte, sie sei kommunistisch unterwandert. In dieser Auseinandersetzung war es gerade Balthasar, der darauf achtete, dass die Bewegung der Bürgerinitiativen überparteilich blieb.“

Auch diese letzte Bemerkung lässt uns an die heutige Zeit denken, wo das „Divide et Impera“ wieder „en vogue“ zu sein scheint – oder um es deutsch auszudrücken, wie vermutlich Balthasar es getan hätte: man schlägt aufeinander ein, hetzt was das Zeug hält und lässt niemanden zu Wort kommen, der eine andere Meinung vertritt. Nicht gerade ein Verhalten, das zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen kann – aber vielleicht eins, das, wie damals, von oben gewollt ist.

Erasmus Schöfer schreibt: „Hinzu kam Balthasars ursprüngliches Freiheitsbedürfnis. Dies scheint mir überhaupt ein Schlüssel zum Verständnis vieler seiner Handlungen und Reaktionen zu sein. … Es war viel persönlicher begründet, hatte anarchische Züge, die mich bei ihm an einen niederländischen Likedeeler-Kapitän erinnern, an Robin Hood oder einen jener bäuerlichen Freischützen ….“  Genauso ist das Buch geschrieben. Es gibt die echten Interviews wieder, wie die Herausgeberin sie seinerzeit aufgenommen und niedergeschrieben hat. Und dem Leser erscheint er wirklich wie ein Robin Hood der jüngsten Geschichte.

Alles in allem: ich habe dieses Buch gern gelesen. Ich bin auch ein Kind dieser Zeit. Es ist fast wie eine Zeitmaschine, die liebenswerte, aber auch ernste Erinnerungen weckt. Erstaunt war ich darüber, so schwarz auf weiß zu sehen, wie wenig sich trotz der Anstrengungen von 30 Jahren Kampf für Natur geändert hat, dass dieselben Taktiken noch immer greifen und der Mensch, ob alt oder jung, noch immer genauso darauf reagiert wie auch damals.

Lassen Sie mich mit den Worten von Balthasar Ehret enden, warum es immer wichtig ist, sich für den Menschen, die Natur und die Umwelt einzusetzen. Sie sind heute so wahr und ehrlich und so wichtig wie seinerzeit: „Es war aber notwendig, dass wir es durchgezogen haben. Was wäre, wenn wir es nicht gemacht hätten – was wäre da los im Badischen, im Elsass? … Sie nehmen doch keine Rücksicht und opfern alles dem Profit. Man sieht doch aktuell, dass sie nicht wissen, wohin mit dem atomaren Müll, langfristiges Denken ist nicht deren Sache. Und das ist es, was mich so wütend und traurig macht. Sie wollen es nicht sehen. Wenn erst einmal alles zerstört ist in der Natur, nützt uns das viele Geld auch nichts mehr.“

Fazit: Ein „Muss“ zum Lesen für jeden, den Politik interessiert, Geschichte, der Mensch, Anti-Atomkraft und wie man einen erfolgreichen Widerstand organisiert.

Zu bestellen online, im Buchhandel oder direkt beim Metropol Verlag Berlin, Mai 2018, ISBN-10: 3863314050,176 Seiten zum Preis von lesenswerten 19,00 Euro.

 

 

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